Sonntag, 25. November 2012
Heiliger des Monats September 2011: Erzengel Michael
Heiliger des Monats September 2011: Erzengel Michael

Fest: 29. September

Schutzpatron: der Deutschen, der Kirche, vieler Berufe

Am auf Pfingsten folgenden Sonntag gehen die Gottesdienstbesucher der Kirche in Uedelhoven nach der Messe nicht heimwärts, sondern sie marschieren zu einem „Heiligenhäuschen“ auf dem nahen „Hausberg“ des Eifeler Ortes. Dieses Dreifaltigkeitskapellchen ist etwas über 100 Jahre alt, und so könnte man hinter diesem Gang eine Frömmigkeitsübung des 19. Jahrhunderts sehen. Nun findet sich aber im Pfarrarchiv ein Vermerk des Pastors Thomae aus der Zeit um 1700, in der er berichtet, dass ihn seine Schäfchen gezwungen hätten, „die Procession uff den Berg zu halten“, obwohl er alternativ vorgeschlagen hatte, einfach ein paar mal um die Kirche zu laufen ...

Tatsächlich gehen die Uedelhovener seit über 2000 Jahren „uff den Berg“.

In der guten alten Zeit vor Caesar und seinen rabiaten Legionen hießen die Eifeler noch Treverer und kamen prima alleine klar. Der oberste Himmlische hieß Lenus, wurde auf den Bergen verehrt und war sowohl Kriegs- als auch Heilgott.

Die Römer, in Fremdsprachen etwa so stark wie heute unsere amerikanischen Freunde, nannten ihn Mars – und als die hügeligen Wälder zwischen Trier und Aachen christlich wurden, taufte man den geduldigen Lenus auf Erzengel Michael um. Michael-zwei-Fäuste-für-ein-Halleluja-schlag-den-Teufel, Chef der beflügelten Heerscharen, starker Arm des Herrn: passte wie Faust auf Auge.

Und so steht man denn auf dem Uedelhovener Michelsberg, im Rücken den Michelsbach, sieht reihum Bergeshöhe an Bergeshöhe, viele nah und fern heißen Michelsberg, und denkt an diesem heiligen Ort an die unglaubliche Macht der lebenden Überlieferung, diesen niemals abgerissenen Strom mündlicher Tradition – der versiegt, der zu einem Ende kommt. Einen normalen Sonntagsgottesdienst im 3. Jahrtausend besuchen etwa 60 Leute, viele davon nicht aus dem Dorf, Altersdurchschnitt über 70, außer den Meßdienern praktisch keine Kinder oder Jugendliche.

Noch 10 Jahre ? Und die gesammelte Spiritualität eines Ortes ist am Nullpunkt, wegen Reichtum geschlossen, wir sind selber Gott. – „Wer ist wie Gott ?“ rief der Engelsfürst dem Teufel als letztes Wort hinterher, „wer ist wie Gott ?“

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Heiliger des Monats Oktober 2011: Lukas
Heiliger des Monats Oktober 2011: Lukas

Fest: 18. Oktober

Patron: der Ärzte und Künstler, insbesondere der Maler und Zeichner

„Lukasgilden“ nannten sich die Vereinigungen der Kunstmaler und Zeichner in vergangenen Jahrhunderten, und bis heute ist er ihr Patron. Anlass für diese besondere Verehrung des Lukas, der ein Evangelium und die Apostelgeschichte verfasste, ist die schöne Legende, Lukas habe Maria selber in Gemälden portraitiert. Tatsächlich schildert Lukas die Gottesmutter in seinem Evangelium ausführlicher und wohlwollender als alle anderen Quellen. Das eindrucksvolle Magnifikat-Lied (siehe „Heiliger des Monats Juli 2011 Mariä Heimsuchung) gibt es sogar nur bei ihm:

„Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan.“

Man hat sehr den Eindruck, dass er die Gottesmutter persönlich gekannt und überaus geschätzt hat.

Und die Malerei ? Man weiß eigentlich gar nicht, wann und wie diese Berichte aufkamen, aber schon um 600 nach Christus ist von Marienbildern die Rede, die Lukas angefertigt haben soll. Aus dieser frühen Zeit hat z.B. die Ikone „Maria Fürsprecherin / Maria Advocata“ überlebt, die in Rom in einem Kloster der Dominikanerinnen verwahrt wird.

Na ja, sagten die Theologen lange Jahre unisono, Lukas als Pinselschwinger, nette Story, aber leider alles Quatsch. Die Jünger sind in Leinensäcken und Schlappen durch den Wüstensand geschlurft bzw. mit so besseren Tretbötchen kreuz und quer über den See Genezareth gepest und waren froh, wenn es abends was zu essen gab. Von Malerei – keine Rede, und natürlich sind auch die Evangelien erst sehr sehr spät geschrieben worden und in den Augen der Oberschlauen sowieso halbe Märchen.

In jüngerer Zeit wird an diesem Bild gekratzt. Man fragt sich, ob solche Vorstellungen nicht eher einem kräftigen mitteleuropäischem Größenwahn als biblischer Realität entsprechen ?

Unsere eigenen Vorfahren, ja die sprangen im Bärenfell den wilden Sauen im Walde hinterher – aber Palästina war als Teil des römischen Reiches doch deutlich komfortabler möbliert. Man nimmt langsam und widerstrebend zur Kenntnis, dass der Grad der Verschriftlichung zur Zeit Jesu umfassend war. Wie heute wurde jeder Blödsinn auf Papier festgehalten, an jeder Ecke kritzelte jemand einen Papyrus voll, Briefe gab es waschkorbweise. Und – die Reden noch des dusseligsten Provinz-Politikers wurden in superschneller Kurzschrift live mitgeschrieben. Warum dann nicht auch die von Jesus, dem Star-Prediger aus Nazareth, dem Straßenfeger, dem wortwörtlich tausende hinterher trabten ? Muss doch keiner meinen, die Evangelisten hätten eine Taube auf der Schulter gebraucht, die Ihnen was ins Ohr flüstert: die gingen wahrscheinlich einfach zum Pressearchiv.

Na denn, mag sein: aber geknipst wurde doch wohl noch nicht ?! – Wie man es nimmt. Im Nachbarland Ägypten, zu dem allerengste Kontakte bestanden, fanden Schatzgräber vor gut 100 Jahren nahe der auch von zehntausenden Juden bewohnten Stadt Alexandria in einer regenlosen Oase unzählige völlig realistisch und modern gemalte Portraits aus der Zeit Jesu, die man Verstorbenen mit ins Mumienpaket gewickelt hatte. Gemalt in einer Enkaustik genannten Wachsfarbentechnik, in der auch alle frühen Ikonen der Kirche gemalt sind.

Wenn es die Tradition hartnäckig überliefert, warum sollte Lukas also nicht so ein Zeichenfex gewesen sein ? Es spricht erst einmal gar nichts dagegen, dass es Gemälde seiner Hand gab (oder immer noch gibt), für die Maria tatsächlich Modell saß.

So ist das mit Legenden: manche sind einfach poetischer als die Wirklichkeit, aber manchmal ist die Wirklichkeit poetisch und trotzdem ganz real. Wir sollten uns der gelegentlichen Wahrheit der Legenden und Märchen nicht vorschnell verschließen: katholisch sein heißt, mit Geheimnissen leben zu können, den Reichtum jenseits der Grenzen des Offensichtlichen öfter mal zuzulassen. Legenden bereichern das Leben, befeuern die Phantasie – und tun der ärmlichen Schulbuchwirklichkeit nicht weh, die auf Wikipedia mittlerweile eh alle 5 Minuten umgeschrieben wird ....

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Heiliger des Monats November 2011: Martin von Tours
Heiliger des Monats November 2011: Martin von Tours

Fest: 11. November

Patron Frankreichs und zahlreicher Berufe, unter anderem der Soldaten, Weber und Schneider, der Bettler und der Gefangenen.

Martins Schicksalstag war nicht der mit dem Bettler. Da war er noch ein Teenager, nur durch Familientradition beim Militär, eigentlich im Geist schon ganz woanders. Mit der Mantelgeschichte machte er sich bei seinen Kameraden gründlich lächerlich, man verstand jetzt, der gehört nicht zu uns, Martin bekam kurz darauf seinen Abschied.

Der Tag, an dem sich vieles entscheidet, findet Martin in Trier. Obwohl ihn das Volk 14 Jahre zuvor zum Bischof von Tours gemacht hat, lebt er jetzt mit 54 Jahren noch genau so radikal arm wie immer seit dem er den Mantel teilte. Martin ist ein Menschenkenner, er weiß um die Macht des Geldes, wie sehr es das Werkzeug des Teufels ist. Keine 10 Pferde bekommen ihn aus seiner Hütte heraus in den Bischofspalast. Während der Messe verweigert er sich dem bischöflichen Thron, sitzt auf einem Holzschemel. Dem bettelnden Wanderprediger aus Galiläa folgt er nach, er meint es ernst. Das Volk verehrt ihn.

Seine Kollegen im Bischofsamt vererben ihre Posten seit Generationen in der Familie – genauer, seit Kaiser Konstantin die Bischöfe in den Rang von hohen Reichs-Beamten erhoben hat. Privilegien, viel Geld, de facto sind sie oft die Bosse ihrer Städte. Martin ist ein Kommunist für sie, sie wollen ihm am Zeug flicken, aber er ist einfach heilig, sie kommen nicht an ihn ran.

Wer noch dringender weg soll, ganz weg, sind die Anhänger und Freunde des Priscillian. Selber Bischof, predigt dieser wie Martin die Abkehr von Pomp und Protz, hält die Hingabe an fleischliche Begierden nicht für den Weg zu gutem Karma, ist Vegetarier, akzeptiert die Frauen in der Kirche als gleichberechtigt – und schreibt und spricht auch darüber, wird den fetten Prälaten gefährlich. Die lieben Mitbrüder im hohen Amt beschließen den Tod Priscillians, treffen sich in Trier mit dem Kaiser, dem sie nachfolgen, ihrem Goldesel.

Martin, der außer Gott niemanden fürchtet, kommt an diesem schrecklichen Tag dazu, redet mit dem Kaiser Tacheles, dass dem Hören und Sehen vergeht. Er muss versprechen, höchstens die Bischöfe unter den Freunden Priscillians abzusetzen – hat nicht Jesus selber gesagt, dass Unkraut soll mit dem Kraut aufwachsen, sortiert wird beim letzten Gericht?

Erst nach der Abreise Martins traut sich der Kaiser, den anderen Bischöfen ihren Spaß zu gönnen: der fromme Mitbruder Priscillian wird gefoltert und ermordet, seine Anhänger vor Sondergerichten abgeurteilt, die nebenbei auch das Vermögen der Opfer einziehen – es wird viel verdient und viel viel christliches Blut vergossen.

Martin ist entsetzt. Er wirkt weitere 15 Jahre in seiner Gemeinde, aber nie wieder besucht er auswärts einen Kirchentag, eine Versammlung. Er kann das feiste Pack nicht mehr ab. Er kennt sie jetzt. Es schüttelt ihn. Zum ersten Mal werden Priester von Priestern ermordet, der Böse fährt eine reiche Ernte ein im Garten des Herrn.

Heute tut die Amtskirche so etwas nicht. Weil sie nicht mehr will – oder weil sie nicht mehr kann ? Das sind so Fragen, die auch Bilder von babyknuddelnden Päpsten nicht beantworten. Die Kirche sollte sich ihrer aktuellen weltlichen Machtlosigkeit eigentlich herzlich freuen: das ist ja eine Chance. Fast wie damals. Auf Anfang.

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Heiliger des Monats Dezember 2011: Franz Xavier
Heiliger des Monats Dezember 2011: Franz Xavier

Fest: 3. Dezember

Patron Indiens, der Seefahrer und der Missionare

Wenn jemand alle „normalen“ Lebensziele wie Wein, Weib und Gesang, Kinder, Haus, Geld und bequemes Leben sausen lässt, sehen wir als Otto Normalverbraucher darin frustrierende Selbstverleugnung und würden uns das nicht freiwillig antun. Diese Einschätzung teilte mit uns der studierte und wohlhabende spanische Adlige Franz Xavier bis zu seinem 28. Lebensjahr uneingeschränkt und handelte auch danach. Bis ihn sein ebenfalls Franz benamster Freund aus Loyola, der spätere Gründer des Jesuitenordens, mit gescheiter geistlicher Lektüre in den Sommerurlaub schickte: und zurück kam ein neuer Mensch, ein Heiliger. So schnell geht das manchmal, wenn sich jemand frei macht, ein Ballon ohne Ballast steigt hoch.

Genau so war es Jahre vorher auch dem Heißsporn aus Loyola selbst ergangen, dem tollkühnen, todesverliebten Offizier. In einer Schlacht, in der alle Vernünftigen schon aufgeben wollten, ganz unnötig noch schwer verwundet, las er gelangweilt im Krankenbett Heiligenlegenden (weil nichts anderes da war) – und verstand: was ist der Kampf gegen warmduschende weicheirige französische Söldner im Vergleich zum Kampf gegen den Teufel selbst ? Ein Quatsch, ein Firlefanz, ein glattes Nichts !! Viel Feind, viel Ehr !!!

Franz von Loyola und seine Handvoll feuriger Mitstreitern gründen die „Gesellschaft Jesu“, den Jesuitenorden – und so ist das auch gemeint. Dieser junge Mann aus Palästina, der hatte doch gewollt, dass die Christen die Welt umkrempeln, Licht ins Dunkel bringen, die Herrschaft des Geldes brechen, den Aberglauben wegfegen (der die Menschen in so schrecklich enge Wege zwingt), die Liebe sonnenhell strahlen lassen und die Liebe zur Herrschaft bringen, ALL YOU NEED IS LOVE, brother, LET IT INTO YOUR HEART, sister !!!

Also rein ins Getümmel, wo es am dickesten ist: aus den neuen Kolonien in Afrika, Indien und weiter hinaus hört man nichts Gutes, da regieren Gewalt und Gier, da will Franz Xavier hin. Der Papst sieht das ähnlich und gibt ihm einen Titel und Briefe in die Hand.

Und was macht unser Franz Xavier jetzt ? Spielt er auf dem Schiff den dicken Prälaten der 7 Weltmeere ? Schlägt er mit seinen Vollmachten in Indien als Mini-Papst auf ? Der sich von den unterdrückten Indern in der Sänfte schaukeln und von den Kolonialbeamten bestechen lässt ?

Entgegen all den liebevoll gepflegten Vorurteilen zum Thema Kirche und Kolonisierung geht er die Sache ganz jesusmäßig an. Schon in Lissabon, wohin er zu Fuß gewandert ist, wohnt er nicht im Palazzo, sondern im Armenkrankenhaus und arbeitet dort auch. Sein Reisegepäck beschränkt sich dann auf die Klamotten am Leib und sein Gebetbuch, einen Diener lehnt er ab. Auf dem Schiff wäscht er sein Zeug selbst, kümmert sich um die einfachen Matrosen und unterrichtet sie unermüdlich, lebt von Almosen der mitreisenden Großkopferten. Glücklich in Indien angelangt, stößt er in der kleinen portugiesischen Kolonie Goa auf völlig haltlose, verrottete Zustände. Ausbeutung und Unterdrückung der Einheimischen sind der Alltag, die Europäer führen ein heilloses Lotterleben, Gemeinsinn ist ein Fremdwort.

Er erlernt mehrere Sprachen der Inder, wirkt unter ihnen und den Portugiesen täglich erfolgreich, sein Vorbild reißt einfach mit. Seine Botschaft der Liebe und der Gleichheit der Menschen aller Rassen und Hautfarben vor Gott begeistert die Menschen, tausende Inder werden Christen, Gesandte aus dem freien Indien bitten ihn hierhin und dorthin. Er bildet einheimische Missionare aus, mit ihm ist eine Apartheid nicht zu machen.

Dem portugiesischen König teilt er mit, Gott habe diesem die neue Welt nicht bloß zur Bereicherung, sondern vielmehr zum Wohle der Menschen und zur Ehre Gottes geschenkt, und wörtlich schreibt er: „Es ist mir, als hörte ich die Stimme Indiens von diesen Erdstrichen gegen den Himmel aufsteigen, klagend, dass von den Schätzen, womit es deine Schatzkammer bereichert, so wenig auf seine dringendsten Bedürfnisse verwendet werde.“ – heute würde er sich mit den Konzernen anlegen, geändert hat sich schließlich nichts.

Franz Xavier macht so weiter, der lässt sich nicht bremsen, Malaysia, Indonesien, 2 Jahre als einer der ersten Europäer in Japan, tausende Briefe mit Klartext Richtung Europa, eine Kerze, die an beiden Enden brennt, er stirbt mit gerade 48 Jahren auf einer Insel vor China.

Ein schönes Vorbild für „wenn, denn“. Kann nicht jeder, traut sich auch nicht jeder – aber halt ein viel viel schöneres Vorbild für ein Leben auf der Überholspur als all diese Pop-Stars, Film-Sternchen und Polit-Clowns, die irgendwann voller Drogen tot im Hotelzimmer, Swimmingpool oder Sportwagen liegen.

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Dienstag, 13. November 2012
Heilige des Monats Januar 2012: Paula von Rom
Heilige des Monats Januar 2012: Paula von Rom

Fest: 26. Januar

Im 4. Jahrhundert, das Christentum war gerade verwirrend schnell aus Schmuddelecke des Untergrunds zur Staatsreligion aufgestiegen, machte sich der sprachbegabte Christ Hieronymus an eine einheitliche, im ganzen römischen Reich allen verständliche Ausgabe der Bibel. Er mußte dafür die vorhandenen lateinischen Übersetzungen auftreiben und miteinander vergleichen, sowie an Hand des griechischen bzw. hebräischen Originals eine neue, korrekte, gut benutzbare und in der Sprache klare Übersetzung herstellen. Dieses Unternehmen brauchte lange Jahre und viel Mühe, führte aber zum Erfolg: als „die Allgemeine“ (lateinisch „Vulgata“) wurde seine Übersetzung zum Bestseller und verdrängte die fehlerhaften älteren Versuche.

Insbesondere für diesen sehr verdienstvollen Geniestreich wurde Hieronymus durch die Jahrhunderte verehrt, er gilt bis heute mit Ambrosius von Mailand, Augustinus und Papst Gregor als einer der 4 lateinischen Kirchenväter, Stützen des ganzen Kirchengebäudes.

So steht das in den Geschichtsbüchern, so stimmt das auch, und keiner fragt sich, was fehlt. Wenn ich mir heute eine ebenfalls löbliche Aufgabe vornähme, z.B. die Geschichte meines kleinen Eifeldorfes mal so richtig gründlich aus den Urkunden heraus hieb- und stichfest darzustellen, wäre dieser Traum am anderen Morgen schon wieder ausgeträumt - wenn der Wecker geht, einen ins Büro ruft, Geld verdienen, schnöde Realität. Aber halt – höre ich da „Geld“? – Oh yeah, it´s money, that matters, aufgewacht Kinder, ohne Moos war auch früher nix los. Wir nähern uns der Sache mit großen Schritten.

Die Eltern einer jungen römischen Dame namens Paula stammten aus den Familien der Cornelier und Gracchen, ihr Mann war ein Julier. Die ganze Blase ist reich wie der Scheich, denen kommt seit einem halben Jahrtausend das Geld nur so aus den Ohren. Mit 22 Jahren ist Paula dann bereits Witwe und Mutter mehrerer Kinder, der Tod ist halt allgegenwärtig. Kein Problem, da kuckt man sich den nächsten Goldfasan aus und lässt es weiter krachen, in Rom gehen die Lichter nicht aus, the show must go on. Das machen die anderen Reichen so, ob Christenbub oder Heidenmädchen, warum nicht auch Paulinchen. Aber in der jungen christlichen Witwe arbeitet es, sie will sinnvoll wirken. Natürlich Breitspur, Adel verpflichtet.

Nachdem Sie eine Zeitlang die Armen Roms hartnäckig betüddelt hat (was andere ihr Leben lang machen, in Rom werden die Bettler nicht alle), lernt die mittlerweile dezent gelangweilte Paula den flotten Hieronymus kennen, der ihr erstens von seinem Bomben-Projekt „Standard-Bibel“ vorschwärmt und der zweitens unbestrittener Superstar aller frommen Damenkränzchen der Hauptstadt ist. Paula sieht sofort und glasklar das Team des Jahrhunderts vor ihrem inneren Auge: Hieronymus, der hat Ziele und Köpfchen, und sie, sie hat die Kohle.

So geht das dann: als Hieronymus ins Heilige Land zieht und in der Nähe von Bethlehem seine Denkerstirn kräuselt, wäre ihm das Denken vermutlich schnell wieder vergangen, denn „voller Bauch studiert nicht gern“, aber leerer noch viel weniger – wenn er nicht seine allesvermögende Sponsorin gehabt hätte. Paula schnappt sich eine ihrer Töchter (und ein bisschen Dienerschaft), gibt den Rest in der Kita ab und dampft nach Palästina. Sie lässt für Hieronymus und seinen Clan ein Männer- und ein Frauenkloster bauen, finanziert alles und jeden 20 Jahre lang, und wird nach ihrem Tod am 26. Januar 404 von Bischöfen in die Kirche zur Totenmesse getragen.

Ehrlicherweise sollte auf jeder der zigtausend Hieronymus-Statuen der Kirchen und Museen dieser Welt stehen „Hieronymus, gesponsert von Paula“, und auf jeder Ausgabe der Vulgata „Paula-Ausgabe, übersetzt von Hieronymus“ – man sollte überhaupt mehr über Geld reden, das fördert den Durchblick und klare Verhältnisse.

Bertold Brecht schildert in seinem Gedicht „Die Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration“, wie ein Zollbeamter den des Landes verwiesenen Weisen Laotse eine Woche lang samt Diener durchfüttert, bis dieser seine Weisheit niedergeschrieben hat und schließt:

„Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Drum sei der Zöllner auch bedankt
Er hat sie ihm abverlangt.“

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Heiliger des Monats Februar 2012: Paul Miki
Heiliger des Monats Februar 2012: Paul Miki

Fest: 6. Februar

Einer der Schutzpatrone Japans

Als am 09. August 1945 um 11:02 Uhr über der japanischen Stadt Nagasaki eine amerikanische Atombombe explodiert, ist das Hauptziel eigentlich ein Rüstungsbetrieb der Firma Mitsubishi. Tatsächlich liegt im Zentrum der alles tötenden, alles zerstörenden Explosion eine der wenigen katholischen Kirchen Japans, erst 20 Jahre zuvor fertiggestellt. Zwei Botschaften des Westens an die Welt, die spirituelle der Liebe unter den Menschen und die politische der Dominanz durch technische Überlegenheit, treffen in der Vernichtung aufeinander.

400 Jahre vor diesem Tag des Schreckens war Japan auf dem besten Weg, ein ganz und gar christlicher Staat zu werden. Nach den Anfängen durch Franz Xaver (siehe Heiliger des Monats Dezember 2011) hatten sich Jesuiten und Franziskaner sehr bemüht und die Message der Liebe, des Ausgleichs, der Gemeinschaft der Gotteskinder gefiel im Land der aufgehenden Sonne so ganz und gar, dass die Missionare mit der gewünschten Unterrichtung kaum hinterherkamen. Ganze Gegenden im Süden Japans wenden sich dem Christentum zu, von den einfachen Bauern bis hin zu den herrschenden Schichten. Gepredigt wird in der Landessprache, japanische Sitten werden integriert, einige Jahrzehnte geht das so erstaunlich friedlich.

Zwei Botschaften des Westens an die Welt – die eine will man schon, die andere jedoch nicht. Die autokratischen Militärmachthaber Japans schauen irritiert auf die südlich benachbarten Philippinen. Auch dort breitet sich das Christentum mit überwältigendem Tempo aus – aber zugleich werden diese Inseln mehr und mehr zu spanischen Kolonien. Diese Entwicklung läuft dabei weniger als Eroberung ab, die Spanier integrieren die alten Eliten in ihr System – und die Wirtschaft kommt dabei mächtig in Schwung. Importe quer über den Pazifik aus dem ebenfalls spanisch beeinflussten Mexiko, Handel mit China und ganz Südostasien, Exporte in alle Welt.

Die Bürger Japans wollen genau das auch: Christentum und mehr Wohlstand für alle durch Globalisierung. Bis hier hin ein Märchen, fast schon zu schön. Die Realität holt uns ein. Angst vor zu großem Einfluss fremder Mächte, Neid auf den neuen Reichtum der christlichen Provinzen, die Möglichkeiten purer Gewalt: der Shogun, Japans Herrscher, beschließt die Ermordung der führenden Köpfe der christlichen Gemeinden, die Ausweisung aller Ausländer, die Unterdrückung der daraufhin teils aufständischen südlichen Provinzen. Wie in den schlimmsten Zeiten des römischen Reiches ist das Christsein unter Todesstrafe verboten. In den nächsten Jahrzehnten sterben zehntausende, ein kleiner Rest (die „verborgenen Christen“) bleibt durch die Jahrhunderte beim Glauben, offenbart sich erst in freieren Zeiten.

Paul Miki, unser Heiliger des Monats, ist nur einer von vielen Märtyrern. Sein Vater, ein in Japan bekannter Kriegsheld, ist unter den ersten Getauften, sein Sohn wächst schon als Christ auf, wird Jesuit und erfolgreicher Prediger. Nach der Verhaftung treibt man ihn und zwei Dutzend andere japanische und fremde Christen unter ständigen Quälereien in bitterer Kälte von Kyoto über 900 Kilometer barfuß nach Nagasaki, der Hochburg des christlichen Japan. Dort werden sie alle am 05. Februar 1597 um 10 Uhr morgens öffentlich gekreuzigt. Trotz Ausgangssperre an diesem Tag kommen 4.000 Menschen, um mit den Märtyrern zu beten.

In der Folge isoliert sich das Land komplett, igelt sich ein, hegt und pflegt einen völlig überspannten Nationalismus (man hat ja keinen Vergleich), der im 20. Jahrhundert schließlich die Grundlage für eine Herrenmenschen-Ideologie bildet, die ganz Ostasien unter die Fuchtel zu zwingen versucht, nur in Hitler einen Verbündeten findet – und, siehe den Anfang des Artikels, katastrophal scheitert. Der lange, tödliche Bann gegen alles Christliche wirkt in Japan heute noch nach – in kaum einem Land der Welt gibt es so wenige Christen, wohl nur 1% der Bevölkerung. Gern wird heute ja „regional“ als positives Gegenbild zur bösen Globalisierung verstanden – und natürlich ist es wahr, dass das Zusammenwachsen der Welt Stress macht. Aber genau dieses Einswerden unseres blauen Planeten ist der Traum für unsere Zukunft, nicht dumpfbackig-engstirniges Hinter-dem-Ofen-hocken, schon gar nicht sich abschottender Nationalismus.

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Heiliger des Monats März 2012: Gregor von Nyssa
Heiliger des Monats März 2012: Gregor von Nyssa

Fest: 9. März

Dieser junge Mann hat seinen eigenen Kopf. Die Familie lebt im Osten des römischen Reichs, in Kleinasien, der heutigen Türkei, ist ausnehmend fromm, stellt allein in Gregors Zeit gleich mehrere Heilige. Gregor setzt durch, eine gediegene heidnische Ausbildung zu erhalten, wird unter Protest aller Verwandten Lehrer der Rhetorik, und zur Krönung heiratet er dann auch noch. Teenager allein unter Heiligen, wie krass ist das?

Natürlich kriegen sie ihn schließlich doch. Er wird Priester (verheiratet, wie er ist, immer schön locker bleiben) und mit 41 Bischof der Stadt Nyssa - was all seine Freunde und Brüder schon zu sein scheinen, nämlich Bischof, jede Stadt hatte damals einen eigenen, der Job war nicht so kurios wie heute.

Gregor hält wacker zum rechten Glauben, der Ketzerei des Arianismus gibt er auch dann keinen Fußbreit nach, als eine selbst arianische Obrigkeit Druck macht. Seine umfassende Bildung sorgt dafür, dass seinen Büchern Beachtung und Respekt gezollt wird – im Nachhinein zählt man ihn mit Gregor von Nazianz und Basilius dem Großem zu den „drei kappadozischen Vätern“. Er stirbt, mit dem Titel „Metropolit“ geehrt und nachdem er noch nach Palästina gewallfahrtet ist, im damals hohen Alter von knapp 70 Jahren.

Schön schön das alles, aber auch lange her. Bei Gregor von Nyssa ist nicht spannend, wie er lebte, sehr wohl aber, was er lehrte.

Gregor ist einer der wenigen Denker in der ganzen Kirchengeschichte, der sich traut, das heiße Eisen der Apokatastasis anzufassen. Das vielsilbige griechische Wort heißt übersetzt „Wiederherstellung“, und gemeint ist die Wiederherstellung der gesamten Schöpfung am Ende aller Zeiten. Gregor lehrt, dass dann, eines fernen Tages, in Gott alles wieder heil wird. Alles geht am Anfang aus Gott hervor, alles kehrt am Ende zu Gott zurück, und fertig ist die Laube.

Hört sich für den Laien logisch und nicht weiter spektakulär an – aber dem gewieften Fundamentaltheologen fehlt da was: das ewige Feuer, die Hölle! Hat sich Jesus nicht selber mehrfach deutlich zum Thema geäußert? Gott ist die Liebe, aber Gott ist auch die Gerechtigkeit: und jeder kriegt was er verdient, am Tag der Ernte wird das Unkraut aussortiert und verbrannt, zack basta. Oh die schöne Hölle, die lassen sich die Sauertöpfe und Selbstgerechten, die Normübererfüller und Helden der Arbeit im Weinberg des Herrn nicht nehmen – mit einem Wort, die Pharisäer, die ja hier auf Erden schon wissen, dass sie in den Himmel kommen werden, die haben ihre Karten wohl aus dem Vorverkauf.

Gregor steht mit seinen Gedanken in der Nachfolge des großen Theologen Origines, der hauptsächlich wegen der unaussprechlichen Apokatastasis nach seinem Tod in den Bann getan wurde, was auch ein Verbot seiner Bücher nach sich zog. Gregor glaubt einfach nicht an einen ziellos strafenden Gott, einen ohne sinnvolles Ende strafenden Gott. Gregor lehrt, dass auch die Hölle mit all ihren Schrecken letztlich der Läuterung, der Klärung dienen müsse. Alle Seelen kommen von Gott, sind von Gott gewollt – und freier Wille zum Guten oder Bösen hin oder her, zu guter letzt kommt alles von Gott und will zu Gott zurück. Die Hölle ist schmerzlich und langwährend, aber nicht ewig. Ewig ist nicht einmal der Widersacher, der gefallene Engel. Ewig, das heißt außer, vor und nach aller Zeit ist nur Gott, und ganz allein Gott. „Wer ist wie Gott?“ ruft Michael dem Ex-Kollegen Lucifer hinterher. Eben. Keiner.

Origines Bücher wurden verbrannt, Gregor wurde nur gelegentlich getadelt. Die Masse der Theologen drückt sich seitdem um eine Antwort. Dabei ist die Sache nicht so theoretisch und abgefahren, wie es zunächst den Anschein haben mag. Betrachtet man die Hölle mit Gregor als eine Antwort auf das tatsächlich geschehene Böse, also als eine Folge des freien Willens der Menschen, die aber letztlich zeitlich begrenzt ist, so betont man die Liebe Gottes, neben der zum guten Schluss kein anderes Prinzip bestehen kann.

Vertritt man dagegen die offizielle Lesart der nicht endenden Hölle, etabliert man „in alle Ewigkeit“ neben dem liebenden Gott eine zweite, dunkle Welt – so eine Art Katholen-Guantanamo.

„Roma locuta, causa finita“ – Rom hat gesprochen, die Sache ist erledigt, das genügt den meisten. Trotzdem schön, in Gregor einen Patron der Querdenker zu haben – denn ohne Querdenker, die auch mal einfach rechts am Stau vorbeifahren, ginge es ja noch langsamer vorwärts.

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Heiliger des Monats Mai 2012 Athanasius von Alexandria
Heiliger des Monats Mai 2012 Athanasius von Alexandria

Festtag: 02. Mai

Patron und Helfer der Menschen, die unter Kopfschmerzen leiden (Denken kann anstrengend sein)

Athanasius ist ab 328 nach Christus fast ein halbes Jahrhundert lang Erzbischof und Patriarch von Alexandrien in Ägypten, davon insgesamt 17 Jahre auf der Flucht und im Exil. Alexandrien, nach dem Niedergang Athens die intellektuelle Hauptstadt der Antike, an deren Unis die Kugelgestalt der Erde und die Unbeweglichkeit der Sonne im Zentrum der um sie kreisenden Planeten gelehrt wird. Dessen Ingenieure sich selbst öffnende, automatische Türen bauen und die Dampfmaschine auf dem Papier entwerfen, ja durch raffinierte optische Spiegelapparaturen den heidnischen Tempeln spektakulär-kinomäßige Götterauftritte „hinzaubern“.

Diese Metropolis der Antike, dieser kochende Melting Pot, wo Chinesen und Südafrikaner auf Norweger und Araber treffen, wo Ideen, Waren, Menschen gehandelt werden, deren berüchtigte „mean streets“ die Londoner Unruhen von 2011 zum Waldorf-Kindergarten-Ausflug deklassieren. Pogrome, Rassen- und Religionskrawalle mit tausenden von Toten, Aufstände der Verlierer der Globalisierung gegen die Superreichen, eine extrem gereizte politische Stimmung. Über den Hafen dieser Stadt erhält das fette Rom seinen Weizen: die Kaiser fürchten diese Stadt wie keine zweite, schon ihren Ahn Caesar hat sie fast das Leben gekostet, sein Gegener Antonius stürzt sich hier ins Schwert.

Diesem Hexenkessel steht Athanasius kirchlich vor, und kann sich nicht einen Tag seines Lebens sicher sein. Schon als Sekretär des vorigen Erzbischofs hat er energisch gegen die Arianer gekämpft, hat er dieser überwältigend erfolgreichen Sekte keinen Zentimeter Boden preisgegeben. Aber sein Posten scheint verloren, selbst die Kaiser neigen der Irrlehre zu, er wird vertrieben und herumgeschubst sein Leben lang.

Kern und Angelpunkt des Arianismus ist eine klare Botschaft: Jesus Christus war nicht Gott gleich. Irgendwie ähnlich schon, man verliert sich da in Spitzfindigkeiten, aber halt nicht gleich. Die schwer vermittelbare, wirklich revolutionäre Botschaft des Neuen Tesatmentes, das Gott selbst Mensch wurde, das Gott selbst sich klein machte, ein hilfloses Baby in Windeln, am Schluß gequält und gekreuzigt, dann aus eigener Machtvollkommenheit wieder auferstanden, das kreatürliche „Fressen und Gefressenwerden“, den Tod, besiegend, hautnah an uns Menschen dran – wird umfrisiert in eine Lehre, die einen entfernten Gott kennt, der weit weg von den Menschen ist, dann einen Gesandten schickt, na ja.
Der Arianismus gefällt besonders den Eliten: denn nur wenn Gott selbst sich klein macht, muß man sich auch selber klein machen wollen, nur wenn Gott selbst sich hingab, muß man zum Opfer bereit sein. Wenn Jesus dagegen nur ein Gesandter war, läßt sich ungestörter regieren, aussaugen, unterdrücken – ja, man kann sich als Kaiser dann leicht selber zum Gesandten stilisieren, zum gerade aktuellen Vertreter des den Menschen unerreichbaren Gottes. Die Kaiser lieben diese Idee, die germanischen Haudraufheerführer nicht weniger: dieser ganze erzlästige demutsvolle Fußwaschungskram kommt in die Mottenkiste. - Das Christentum ist in Gefahr, innerhalb von wenigen Jahrem im Sumpf des spätantiken Religionsbreis zu versinken, zu gut für diese Welt, und ab dafür.

In Konstantinopel und Rom ist man zu nah an den Herrschern dran, die größte Last des Widerstands liegt auf den Schultern des Athanasius. Schon kurz nach seinem Amtsantritt steht die Situation auf Messers Schneide, vielen scheint die Sache entschieden. Athanasius setzt sein Leben, die Kirche, einfach alles auf eine Karte, seine letzte Karte, genauer gesagt: auf einen Old-School-Punk.

Tief in der Wüste südlich Alexandriens lebt Antonius, fast 80, 105 soll er werden, verehrt wie kein anderer Mensch, der legendenumwobene Vater der Mönche, voll schwarzen Humors und struppigen Haars, niemanden fürchtend, einem Kaiser auf dessen Befehl zur Reise nach Konstantinopel hin antwortend, „nein, keine Chance, ein Mönch gehört der Wildnis, nicht der Stadt, ich bleibe, wo ich bin“, diesen Antonius besucht Athanasius in seiner Einöde, seiner totalen Armut, seiner Hingabe an den Herrn. Er schildert ihm den verzweifelten Ernst der Lage, die beiden beten tagelang zusammen, und das Wunder geschieht: Antonius verläßt die Wüste und folgt Athanasius für eine Zeit in den Sündenpfuhl.
Dieser Coup überwältigt die begeisterungsfähigen Alexandrier, die Stimmung kippt, alles glüht für Athanasius. Wenn Antonius, der lebende Heilige, für ihn ist, dann sind sie es auch. Die nächsten Jahrzehnte kann sich ihr Erzbischof auf seine Schäflein verlassen, durch dick und dünn stehen sie zur Orthodoxie, zum schwierigen, fordernden, rechten Glauben.

Athanasius, uns Heutigen ein vergessener Name vergangener Tage, wird später mit dem Ehrentitel „Säule der Kirche“ benannt. Tatsächlich sind es nur eine Handvoll Menschen, die das Steuer herumreißen, die den Bau vor dem Einsturz bewahren, vor der Entsorgung auf der riesigen Müllhalde der spätantiken Beliebigkeit, den Glauben retten vorm endlosen, fruchtlosen esoterischen Spintisieren.
Die neuere Geschichtsschreibung hört so etwas nicht gerne. Soziale Entwicklungen sind am Werk, ökonomische Strömungen, Klassengegensätze. - Aber, Geschichte ist Geschichte von Menschen, Geschichte wird gemacht, jeden Tag, von uns.

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Heiliger des Monats April 2012: Georg
Heiliger des Monats April 2012: Georg

Festtag: 23. April

Schutzpatron: der Soldaten und unzähliger Berufe, Nationalheiliger Englands, Byzanz, Äthiopiens, Georgiens, Serbiens, Griechenlands, Aragoniens und Kataloniens

Die Geschichte des heiligen Georg ist von Legenden durchdrungen und überwuchert wie mancher Maya-Tempel vom Dschungel. Im Kern ist er ein Retter, der strahlende Ritter auf dem weißen Roß, eine Lichtgestalt.

Ein böser Drache belagert eine Stadt, verseucht umher alles mit seinem Pesthauch. Täglich opfert man ihm Schafe, als es keine mehr gibt, Menschen. Irgendwann trifft das Los auch die junge schöne Königstochter Margarete. Sie geht hinaus zu dem Untier, aber rechtzeitig erscheint Georg, besiegt den Drachen, bekehrt die Stadt zum Christentum und reitet einsam fort in den Sonnenuntergang, wie sich das für Westernhelden so gehört.

Eine archetypische Situation: im Angesicht des Bösen sind die Menschen feige. Nacheinander lassen sie sich abschlachten, statt gemeinsam aufzustehen und sich zu wehren. Es braucht das Erscheinen des „Leitwolfs“, um ihren Kleinmut in neue Lebenskraft zu verwandeln.

In dem Western „High Noon“ des Regisseurs Fred Zinnemann, der als emigrierter österreichischer Jude seine eigenen Ideen zum Thema hatte, flieht der Held vor den anrückenden Bösen auf Anraten seiner Frau zunächst – um dann kehrt zu machen und „zu tun, was ein Mann eben tun muß“.

Es gibt Heilige, die das Opfer leben – wie Pater Maximilian Kolbe, der sein Leben für das eines anderen gibt - und Jesus selbst, der im Moment der Festnahme zu seinem schon dreinhauenden Bodyguard sagt: „Steck das Schwert zurück. Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert sterben.“
Und natürlich ist das alles wahr. Gewalt erzeugt Gegengewalt, wo gehobelt wird, fallen Späne. Wenn heutzutage unsere amerikanischen Waffenbrüder einen Drachen töten, färbt das Blut der „Kollateralschäden“ die Flüsse rot.

Es gibt keine blütenweiße, saubere Antwort. Haudraufs wie der heilige Georg haben die Welt von so einigen Bestien befreit – zum Vorteil der Stillen im Lande. Wer nichts macht, macht auch nichts verkehrt. Ich persönlich glaube nicht, daß Gott dem Georg Elser Vorhaltungen gemacht hat, weil er auf den Spuren seines Namenspatrons versuchte, den bösen Drachen Hitler in die Luft zu sprengen – und durch unglückliche Umstände stattdessen Unschuldige erwischte. Achselzucken wird ER, der Chef, und john-wayne-mäßig sagen: „Irgendwann stirbt jeder – was zählt ist, als was.“

Der heilige Georg wurde schließlich geköpft.

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Heiliger des Monats Juni 2012 Apostel Petrus
Heiliger des Monats Juni 2012 Apostel Petrus

Festtag: 29. Juni

Schutzpatron von Rom, Berlin und Trier, der Schlosser und Fischer, der reuigen Sünder, aller Wettererscheinungen, der Päpste und der Kirche – und dieses tapferen Bloggers.

Im 1875 erschienenen vierten Band von Stadlers „Vollständigem Heiligen=Lexikon“ heißt es über Petrus: „Ohne alle gelehrte Bildung, aber von Natur aus frisch und feurig, und wie sein Bruder Andreas für alle religiösen Eindrücke empfänglich, hörte er in der Wüste die Predigten des hl. Johannes des Täufers und ließ sich unter seine Jünger aufnehmen.“

Oh je, das muß man zu Ende denken. Ein junger Mann, der sich zusammen mit seiner Frau, seinem Bruder und seinen Freunden eigene Gedanken darüber macht, warum wir Menschen so sind, wie wir sind. Dem die Antworten und die Repräsentanten der Amtskirche lächerlich, verkalkt und vorgestrig, ja bösartig erscheinen. Der weiteren, ermüdenden Diskussionen mit den denkfaulen, tranigen Mitgläubigen seiner Ortsgemeinde nichts mehr abgewinnen kann, sich statt dessen zu Johannes begibt, dem König der Punks, der frech wie Rotz den Kirchenoberen sagt, was sie sind: nichts als eingebildete, aufgeblasene Fatzkes, die auf Fassade stehen, aber hinter der Fassade finden sich nur stinkende, faulende Gräber: ja „Schlangenbrut“ nennt er die selbsternannten „Frommen“, tödliche Nester der Lieblosigkeit, Hindernisse auf dem Weg zum Guten.

„Von Natur aus frisch und feurig“, begeistert er sich von Anfang an für diesen atemberaubenden Propheten Jesus, zu dem Johannes ihn schickt. Der noch krasser, noch klarer sagt, was zählt in eines Menschen Leben, und was nicht. Er verfällt Jesus mit Haut und Haaren, hängt an seinen Lippen, behütet ihn mit dem ihm eigenen praktischen Sinn des harten, ländlichen Gang-Leaders wie ein älterer Bruder seinen gedichteschreibenden, feinsinnigen, aus der Art geschlagenen jüngeren Bruder beschützt, der halt einfach zu gut ist für diese Welt. Als dieser geliebte Spinner dann zum ersten Mal vor anderen Leuten davon spricht, daß er bald sterben müsse, zieht ihn Petrus raus aus der Runde und verbietet ihm nachdrücklich, so einen Quatsch zu erzählen, was soll der Unsinn, jetzt langts aber, warum machen wir uns die ganze Mühe mit Dir. - Heute würde er den Kleinen ungefragt zur Therapie anmelden: was zu weit geht, geht zu weit. - Jesus schimpft und wird frech, na soll er nur, der fängt sich schon wieder.
Als die Dinge aus dem Ruder laufen, ist es Petrus, der sich bewaffnet, der das Schwert auch zieht, der Blut fließen läßt, der das ganze Lumpenpack gern erschlagen hätte – aber das Weichei will nicht, gibt nach, läßt sich umbringen, mein Gott.

Dieser frische und feurige Petrus wird mit seinem Organisationstalent der Begründer der neuen Kirche des Jesus, ist nach den wilden Osterereignissen und der alles verändernden Geist-Verleihung an Pfingsten komplett unstoppable, er packt den Wolf an den Ohren, wirkt mitten in Rom im Herzen der Finsternis, wird dort unter dem irren Diktator Nero ermordet, aber seine Schülerinnen und Schüler machen weiter.

Und da, auf dem Grab dieses begeisterten Menschen, der die gegen alle Konventionen gerichtete Flower-Power-Liebes-Message des einfach wunderbaren Jesus nach Europa gebracht hat, thront nun Bendikt der Soundsovielte, eingeklemmt von Millionen von Büchern, Tonnen von Marmor, Zentnern von Gold, Heerscharen von verdrehten Professoren und unzählbaren, kosmischen Mengen von lieblosen, sinnentleerten Geboten - mehr, als je ein regelwütiger Pharisäer in der Lage gewesen wäre zu erfinden.

Wie sagte Jesus zu Petrus in den guten Zeiten: „Geh und weide meine Lämmer.“ - Da sähen wir ihn gern, den Benedikt, den 265. Nachfolger des heißblütigen Petrus, wandelnd auf einer duftenden Sommerwiese unter dem blauen Himmel Latiums, seine Schäflein weidend, mit viel Zeit nachzudenken und lockerer zu werden, so viel viel lockerer. Und abends könnte er dann mit seiner zärtlichen Benedikta traulich bei einem Gläschen Wein in der Schäferhütte sitzen - Petrus war ja auch verheiratet und glücklicher Vater, „habemus papam“ heißt das, gelle ?

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