Sonntag, 29. September 2013
Heilige des Monats Oktober 2013 Josephine Leroux
Heilige des Monats Oktober 2013 Josephine Leroux

Fest: 23. Oktober

Die selige Josephine ist eine junge Frau von 22 Jahren, als sie 1769 den Klarissen in Valenciennes beitritt. Geboren ist sie in Cambrai, ihr ganzes Leben verbringt sie dort im Norden Frankreichs an der Grenze zum heutigen Belgien.
Die Klarissen leben die Tradition der heiligen Klara, des radikalen Franciscus von Assisi Seelenfreundin. Äußere Armut, innerer Reichtum.
Der Welt unauffällig scheinen solche sprituellen Menschen, und wahrlich bemißt sich das Gelingen eines Lebensentwurfs ja nicht daran, ob ihn die Bildzeitung oder Hallo Deutschland der Dokumentation für würdig erachten.

Nicht Josephine ist es, die spektakulär ins Rad der Geschichte greift, umgekehrt, es ist die politische Entwicklung, die ihr, der mittlerweile 47 jährigen ganz und gar harmlosen Nachfolgerin Christi ein unfaßbar grausames Ende bereitet.
Anfang September 1794 wird ihre gesamte klösterliche Gemeinschaft verhaftet. Die Gesetze Frankreichs dulden nach der Revolution von 1789 keine geistlichen Orden mehr. Steckt man sie ins Arbeitshaus, um sie „produktiv“ zu machen ? Schickt man sie zur Strafe in die Kolonien ? Nein, dieser Gruppe von wehrlosen Frauen wird in aller Öffentlichkeit, die Bürger können vom Mittagstisch aus durchs Fenster zuschauen, mitten in Valenciennes bei lebendigem Leib und vollem Bewußtsein der Kopf abgeschnitten.
Die ersten 5 sterben am 17. Oktober, die restlichen 6 eine knappe Woche später. Wollte man sie den Horror noch ein paar Tage „auskosten“ lassen, ist es einfach Willkür, wer weiß. Mit Josephine stirbt auch ihre jüngere Schwester Marguerite und die Oberin des Konvents.
Das sind 11 von Hunderten Nonnen, Mönchen, Priestern. Abertausende von adligen Männern, Frauen und Kindern werden abgeschlachtet, auf offener Straße. Napoleon, erst General der Revolution, später ihr Erbe und Diktator, schickt europaweit Millionen Soldaten und Zivilisten in einen erbärmlichen, sinnlosen Kriegstod. Zum erzwungenen Schluß 1815 ist Frankreich keinen Quadratmeter größer als vor dem Vierteljahrhundert pausenlosen Gemetzels.

Bis heute gedenken die Franzosen dieser Ereignisse – nicht etwa der Opfer, nein, der glorreichen „Revolution“, Stichtag 14. Juli, der „Sturm auf die Bastille“. Das einfache Volk schwenkt Fähnchen bei der Panzerparade, genießt den Nationalfeiertag und schläft mal aus.
Die oberen Zehntausend dagegen sitzen in ihren Stadtpalästen und Landschlößchen auf den Zinsenzinsen der Berge von Geld, die sich ihre Vorfahren in selbiger „Revolution“ zusammengerafft haben, schlürfen Austern zum Schampus - savoir vivre, in geschlossener Gesellschaft.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Freiheit derer, die eh schon reich sind, noch immer reicher zu werden. Die Gleichheit der anderen in Chancenlosigkeit und Armut – und auf dem Schlachtfeld, der neu errungenen allgemeinen Wehrpflicht sei Dank, alle auf einem Haufen – und vor dem Gesetz, wo bis heute Max Mustermann in den Knast wandert und teure Rechtsanwälte die „Gleicheren“ raushauen. Und herzerwärmende Brüderlichkeit der Herrschenden gegen notleidende Banker, die sich mit Posten im Aufsichtsrat revanchieren, geteilte Freude ist halt doppelte Freude.

Im Geschichtsbuch liest sich das irgendwie „netter“, unsere verstaubten Professoren stehen nicht so auf die ekligen Details, da ist von Idealen die Rede und Menschenrechten und was nicht alles.
Vive la Trance ! möchte man diesen Träumern zurufen, es ging ums Geld, was sonst Kinder, und Papier ist geduldig.
Nüchtern betrachtet, bringt die französische Revolution diejenigen an die Macht, die sie heute noch haben, die Bourgeoisie, das Großbürgertum – und da werden sie auch bleiben, denn „alle Macht geht vom Volke aus, um nie wieder zu ihm zurückzukehren“, das ist parlamentarische Demokratie.

Josephine Leroux ist das bewußt, denn natürlich wird auch ihr Kloster beschlagnahmt und verschoben werden, korrupt bis in die Knochen ist die ganze Republik. Wer tot ist, kann nicht reklamieren, ihre Ermordung macht die Beute der Umsturzgewinnler krisenfest.

Kein noch so wild zusammenfabuliertes Traktätlein des Mittelalters ist so sehr Märchenstunde wie unser schulmäßiges Erzählen von der Französischen Revolution.

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